21. November 2025. Medellín, Kolumbien. Nachdem Martin Londoño bei einem Verkehrsunfall seine Gehfähigkeit verloren hatte, startete der Kolumbianer damit Rollstühle technisch mit elektrischen Handbikes aufzurüsten. Während der Corona-Pandemie ermöglichte Martin Londoño anderen Rollstuhlfahrerinnen mit dieser Technik Lieferdienst-Services anzubieten und damit neue Perspektiven für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu schaffen. Heute geht seine Vision weit darüber hinaus.

Im Jahr 2021 gründete Martin Londoño das Start-up MATT Mobility – Mobility, Accessibility, Time und Trabajo (Spanisch für Arbeit), „um persönliche Mobilität und Produktivität für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu schaffen und Inklusion zu fördern“, sagte er der INGLOSUS Stiftung. MATT entwickelt elektrische Antriebsgeräte, die einen herkömmlichen Rollstuhl in ein motorisiertes Handbike verwandeln. Die Geräte werden an der Vorderseite des Rollstuhls befestigt und ermöglichen den Nutzerinnen deutlich mehr Geschwindigkeit, Stabilität und Reichweite im Alltag.

Martin Lodono

Martin Londono

Barrieren für Inklusion in Kolumbien

„In Kolumbien sind die Gehwege oft unzugänglich, die Straßen nicht fußgängerfreundlich, der öffentliche Nahverkehr und viele sanitäre Anlagen kaum rollstuhlgerecht – und in das Wohlergehen von Menschen mit Behinderungen wird nahezu gar nicht investiert“ erklärte uns Martin Londoño. In dem Südamerikanischen Tropenland ist die Inklusion von Rollstuhlfahrerinnen besonders schwierig. Fast zwei von drei Rollstuhlfahrern in Kolumbien haben kein eigenes Einkommen, vier von fünf kein festes Arbeitsverhältnis und neun von zehn benötigen tägliche Assistenz.

Mit seinem Engagement möchte Martin Londoño aktiv die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen fördern, insbesondere die Ziele der Reduzierung der Armut, Gesundheit und Wohlempfinden, Menschenwürdige Arbeit und weniger Ungleichheiten.

Damit sorgte MATT bereits national wie international für Aufmerksamkeit. Medien wie Bloomberg, CNN und El Colombiano reisten nach Medellín, um Martin Londoños Projekt aus erster Hand kennenzulernen. „Wie ein kolumbianischer Unternehmer seinen Rollstuhl in ein Lieferunternehmen verwandelte“, titelte etwa Business Insider.

Die Geschäftsidee entstand während der Corona-Pandemie: Martin schenkte Rollstuhlfahrern ein MATT-Gerät und ermöglichte ihnen, es durch einen inklusiven Arbeitsvertrag im Lieferdienst abzubezahlen. Sein Ziel: „Wir wollen die Herausforderungen von Mobilität, Arbeitslosigkeit, Inklusion, Zugänglichkeit und Bezahlbarkeit für Rollstuhlfahrerinnen überwinden.“ Für viele Nutzer bot dieses Modell in der wirtschaftlich schwierigen Pandemiesituation eine Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen – einige erzielten in dieser Zeit sogar Einkommen, die deutlich über dem kolumbianischen Mindestlohn lagen.

Heutzutage ist das Unternehmen von Martín Londoño weitaus mehr als nur MATT – es hat sich zu einem Sozialprojekt entwickelt, das nicht nur die wirtschaftliche Teilhabe von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen stärkt, sondern es hat sich zugleich als eine Art Begegnungsort etabliert, an dem Betroffene Gehör finden.

„Nach meiner Krankheit dachte ich lange, mein Leben wäre stehen geblieben. Heute weiß ich, es hat sich nur verändert und ich musste lernen, neu weiterzugehen.“ erzählte uns der 21-Jährigen Jader Duarte, den wir bei MATT im Büro getroffen habe. „Medellín ist wunderschön, aber manchmal brutal hart für uns. Trotzdem ist es meine Stadt — und hier will ich meinen eigenen Weg finden. Ich habe viele Träume – ich möchte studieren, arbeiten und unabhängig sein.“

Jader Duarte

Jedoch bleibt Zentral-Amerika ein schwieriges Pflaster für Inklusion. Laut dem UN-Report 2025 gehören die Länder in Lateinamerika und der Karibik weiterhin zu den ungleichsten Regionen. Im Schnitt lebt fast jede fünfte Person von weniger als der Hälfte des landesüblichen Median-Einkommens. Zudem sind Menschen mit Behinderung nach wie vor deutlich höher Diskriminierung ausgesetzt. Im Durchschnitt berichtet fast jede dritte Person mit Behinderung – rund 28 Prozent – von persönlichen Diskriminierungserfahrungen, während es bei Menschen ohne Behinderung nur 17 Prozent sind. Ungleichheiten zeigen sich in nahezu allen Bereichen, besonders stark jedoch in Bezug auf den sozioökonomischen Status.

Vor diesem Hintergrund will Martin Londoño nicht nur Mobilität verändern, sondern auch Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen.

Touristen-Touren, die Medellín aus einer neuen Perspektive zeigen

„Unsere MATT-Touren ermöglichen es den Menschen, Medellín durch die Augen eines Rollstuhlfahrers zu erleben“, betont Martin Londoño. So möchte er die Öffentlichkeit auf die Herausforderungen von Rollstuhlfahrern sensibilisieren – und zugleich die lokalen Orte der Touristenmetropole neu erlebbar machen.

Dass ausgerechnet die Comuna 13 – einst einer der gewaltreichsten und am stärksten isolierten Stadtteile Medellíns – zu den Hauptzielen dieser Touren gehört, ist kein Zufall. Die Comuna 13 war über Jahrzehnte ein Brennpunkt bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Guerilla, Paramilitärs und staatlichen Sicherheitskräften. Viele Bewohner wurden vertrieben, verletzt oder verloren im Zuge der Konflikte ihre Familien und ihre Mobilität. Bis heute ist Gewalt in Kolumbien die häufigste Ursache für körperliche Einschränkungen und den Einsatz von Rollstühlen.

Gleichzeitig steht die Comuna 13 heute wie kaum ein anderer Ort für den Wandel Medellíns: bunte Graffitis, lokale Künstlerkollektive, Hip-Hop-Schulen und die ikonischen Freiluft-Rolltreppen, die den steilen Hang erschließen.

Doch trotz dieser Modernisierung bleibt die Comuna 13 ein extrem herausfordernder Ort für Menschen im Rollstuhl: steile Anstiege, enge Gassen, unebene Wege und unvorhersehbare Hindernisse machen herkömmliche Rollstühle hier fast unbenutzbar.

Gerade deshalb spielt MATT an diesem Ort seine Stärke aus. Die elektrischen Handbikes ermöglichen es, Hänge zu bewältigen, Unebenheiten auszugleichen und Bereiche zu erreichen, die ohne technische Unterstützung unerreichbar wären.

Im kommenden Jahr möchte Martin Londoño mit seinem Social Start-up in zwei weitere kolumbianische Städte und Mexico Stadt expandieren. Mit Produkten ab 500 Euro ist der MATT-Wheelchair deutlich erschwinglicher als vergleichbare Produkte auf dem Markt, die oft mehr als das Vierfache kosten. Doch für Martin geht es nicht nur um Wachstum oder Marktanteile – sondern vor allem darum, dass die Technologie dort ankommt, wo sie am meisten gebraucht wird.

Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit dem lokalen Profiteam Paisas Basketball: Gemeinsam finanzierten sie dem neunjährigen Fan Pablo einen neuen MATT-Rollstuhl. Damit erleichtert MATT ihm nicht nur den Alltag, sondern auch die 14 Kilometer lange Strecke zu jedem Training – ein Weg, den Pablo bisher nur unter großen Anstrengungen bewältigen konnte.

Pablo

Was in Kolumbien auf individueller Ebene beginnt, findet jedoch längst auch international Resonanz. Auch in Deutschland wächst das Interesse an inklusiven Sport- und Mobilitätsformaten, die Menschen mit Behinderung sichtbar machen und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Genau hier setzt die INGLOSUS Stiftung an.

Die INGLOSUS Stiftung brachte das Thema Rollstuhlbasketball auf die DIGISUSTAIN-Messe.

„Die Einführung von Rollstuhlbasketball war für uns der erste Schritt“, betont Darius Maleki, Vize-Vorsitzender der INGLOSUS Stiftung. „Inklusive Sportformate werden künftig eine zentrale Rolle spielen. Wir sehen es als unseren Auftrag, dieses Thema weiter voranzutreiben und dauerhaft in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.“

Der Organisator und Ausrichter der Nachhaltigkeitsmesse integrierte 2024 erstmals das Thema Rollstuhlbasketball in das Programm und machte es so einem breiten Publikum zugänglich. Im Rahmen der Messe, die in 17 Konferenzen verschiedenste Aspekte der UN-Nachhaltigkeitsziele beleuchtete, bot die Stiftung den Besucherinnen einen neuen, inklusiven Blick auf Sport, Mobilität und Teilhabe.

Auch in verschiedenen Diskussionen wurde auf in der DIGISUSTAIN auf das Thema Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion eingegangen. Im Panel Leistungssport und Nachhaltigkeit unterstrich Simon Horn, Manager Kommunikation der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die Bedeutung gemeinsamer Anstrengungen: „Der Leistungssport muss im Sinne einer digitalen und nachhaltigen Zukunft noch enger zusammenarbeiten.“ Nadine Schönwald, Expertin für Diversity, Equity und Inklusion, zog im Anschluss an das DIGISUSTAIN-Panel Inklusion – Wo stehen wir eigentlich? ein klares Fazit: „Gemeinsam sprachen wir über die Entwicklung von Barrierefreiheit und was jede:r von uns dafür tun kann. […] Technologie kann helfen, Barrierefreiheit zu verbessern und zu unterstützen.“

Inklusion als Richtung, nicht als Ziel

Die Geschichte von Martin Londoño zeigt, wie aus einem persönlichen Schicksal im wahrsten Sinne des Wortes ein Motor für Veränderung werden kann. Was als improvisierte Lösung nach einem Unfall begann, hat sich zu einer Bewegung in Kolumbien und darüber hinaus Entwickelt.

Bis heute haben die MATT-Geräte gemeinsam bereits eine Strecke zurückgelegt, die rund 17 Erdumrundungen entspricht. Gleichzeitig hat MATT inzwischen über 1.300 Menschen unterstützt und ihnen das ermöglicht, was zuvor unerreichbar schien.

Während Inklusion in Kolumbien – wie in vielen Teilen der Welt – noch immer mit Hürden und fehlenden Investitionen zu kämpfen hat, zeigen Projekte wie MATT und Initiativen wie die der INGLOSUS Stiftung, wie Veränderung aussehen kann.

Der Weg ist noch lang, aber die Richtung ist klar: Inklusion beginnt dort, wo Menschen nicht nur gesehen, sondern befähigt werden. Genau daran arbeitet Martin Londoño – und jeder Kilometer, der mit einem MATT-Rollstuhl zurückgelegt wird, ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg.

 


 

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember ruft die INGLOSUS Stiftung dieses Jahr dazu auf, das zehnte UN-Nachhaltigkeitsziel der Inklusion aktiv zu fördern. Deshalb sind wir dieses Jahr Partner von MATT. Sämtliche Spenden fließen direkt in die Bereitstellung eines MATT-Geräts für Menschen, die nicht die Mittel haben, eines selbst zu kaufen.

Deine Unterstützung ermöglicht nicht nur ein Gerät – sie schenkt Inklusion, ökonomische Teilhabe, Freiheit, Unabhängigkeit und eine bessere Zukunft.

Spende unter: https://gofund.me/c8f60c38d