In diesem Interview spricht Darius Maleki, Vice-Chairman der INGLOSUS Stiftung, mit Stefan Dierks, Director Sustainability Strategy der Melitta Gruppe, über die strategische Integration von Nachhaltigkeit in den Geschäftsbereichen von Melitta, die besonderen Herausforderungen und Chancen im globalen Kaffeesektor sowie innovative Finanzierungsansätze wie Carbon- und Biodiversity-Credits. Themen sind u. a. die Resilienz von Lieferketten, regulatorische Entwicklungen, internationale Zusammenarbeit und der Weg zu zukunftsfähigen Lösungen. Ein spannender Einblick in die Transformation einer traditionsreichen Marke.

Das Interview können Sie sich auf unserem You-Tube Kanal hier ansehen.

Darius Maleki

Ich möchte mich herzlich bedanken, lieber Stefan, dass du dir die Zeit genommen hast und uns im Nachgang zur DIGISUSTAIN Transformationskonferenz ein kleines Willkommen-Interview gibst. Die Themen sind so präsent und wichtig, dass sie nicht nur jetzt, sondern auch in den kommenden Jahren relevant bleiben.
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Um einen Überblick zu geben: Was bedeutet Nachhaltigkeit konkret für die Melitta Gruppe? Jeder hat ja seine eigene Definition, und da ihr den Kaffeesektor ansprecht, gibt es bestimmt spezielle Themen. Meine erste Frage: Was bedeutet Nachhaltigkeit für euch als Unternehmen?

Dierks, Stefan

Die Melitta Gruppe ist ein Familienunternehmen mit über 115 Jahren Tradition. Nachhaltigkeit spielt hier schon immer eine große Rolle – sozial und ökologisch. In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen stark verändert. Vor etwa 5 Jahren haben wir unsere bestehenden Maßnahmen an den Standorten und in den Lieferketten zu einer ganzheitlichen, strategischen Integration weiterentwickelt.

Wir haben keine separate Nachhaltigkeitsstrategie, sondern Nachhaltigkeit in allen 4 Dimensionen – Ökologie, Ökonomie, Soziales und Gesellschaft – ist direkt in unsere Kerngeschäftsstrategie integriert.
Ende 2019 haben wir uns zu einem Jahrzehnt der Transformation bis 2030 bekannt, mit dem Ziel, unsere Sortimente und Aktivitäten systematisch an den Anforderungen dieser Dimensionen auszurichten.

Der Gesetzgeber fordert und entwickelt laufend neue Anforderungen, die wir kontinuierlich in unsere Strategie einarbeiten. Kurz gesagt: Nachhaltigkeit ist Haltung und umfasst alle wesentlichen Prozesse unseres Unternehmens und der Lieferketten.

Darius Maleki

Vielen Dank für die klare Zusammenfassung. Es ist faszinierend, wie breit gefächert ihr unterwegs seid und wie viele Impulsgeber ihr einbinden müsst, um die Strategie voranzubringen.

Oft wird nur das Unternehmen selbst betrachtet, nicht aber die Rahmenbedingungen drumherum. Deshalb schaffen wir als gemeinnützige Stiftung Plattformen, auf denen sich die relevanten Akteure austauschen und konkrete Lösungen entwickeln können.


Welche Impulse hast du denn von der DIGISUSTAIN und anderen Transformationskongressen mitgenommen? Du bist ja langjähriger Wegbegleiter unserer Stiftung und wir haben die Melitta Gruppe in dieser Zeit immer besser kennengelernt. Ihr seid längst nicht nur Kaffeeproduzenten, sondern fast schon Technologieunternehmen – das gehört heute wohl zusammen. Warum sind solche Veranstaltungen wichtig?

Dierks, Stefan

Wir stehen global vor großen Herausforderungen. Es geht darum, unsere Lebensgrundlagen und damit auch die Basis für wirtschaftliches Handeln dauerhaft zu sichern. Das erfordert eine grundlegende Umstellung unserer globalen Wohlstandserwirtschaftung. Jeder Akteur, jedes Unternehmen und jede Organisation muss seinen Beitrag leisten – seine Hausaufgaben machen.

Alleine schafft das aber niemand. Nur gemeinschaftlich kann die Transformation gelingen. Transformationskongresse wie DIGISUSTAIN sind wichtige Plattformen für Austausch und gemeinsames Verständnis: Wo steht wer, welche Bedarfe und Stärken gibt es, wo braucht es Unterstützung?

Für mich war besonders wichtig zu sehen, dass es großes Interesse an gemeinsamer Lösungserarbeitung gibt – etwa bei Transformationsfinanzierung. Die Erkenntnis wächst, dass wir nur gemeinsam in co-kreativen, innovativen Prozessen vorankommen können. Wir sind mittendrin in diesem Prozess, deshalb hat sich die Teilnahme für uns und viele andere sehr gelohnt.

Darius Maleki

Das freut mich sehr. Feedback ist wichtig, weil es ja um sensible Themen geht. Du hast den Begriff „Lösungsfindung“ genannt. Davor steht aber eine Herausforderung. Im globalen Kaffeesektor vermute ich, dass vor allem die Lieferketten und die damit verbundenen Gesetze eine große Herausforderung sind.

Wie siehst du die aktuelle Situation der globalen Lieferketten? Wie könnte man sie krisenfester, nachhaltiger und vielleicht auch finanzierbarer gestalten – speziell im Kaffeesektor?

Dierks, Stefan

Kaffee wird in über 50 Ländern rund um den Äquator hauptsächlich von Klein- und Kleinstfarmen angebaut – etwa 12,5 Millionen Haupterwerbskaffeefarmen, davon 60–80% Kleinbetriebe. Diese kleinteilige Struktur ist anfällig – Ernteausfälle oder Preisschwankungen treffen die einzelnen Farmen hart. Dazu kommen durch den Klimawandel verstärkte Extremwetterereignisse.

Wir müssen diese Farmen resilienter machen, ihnen sichere, stabile oder höhere Produktivität ermöglichen – und gleichzeitig Klimaschutz, Biodiversität und Regeneration entlang der Lieferketten sicherstellen.

Das erfordert viel Arbeit vor Ort, Infrastruktur wie Baumschulen und Know-how.
Die Finanzierung ist herausfordernd: Kleinbauern können marktübliche Zinsen oft nicht zahlen, für Banken sind Kleinkredite aufwendig.

Wir entwickeln deshalb ein Ökosystem, das neben klassischen Finanzierungen auch Zertifikate wie Carbon- oder Biodiversity-Credits einbindet, um einen optimalen Finanzierungsmix für jede Region zu schaffen.

Darius Maleki

Das ist beeindruckend – viel Innovation und Know-how. Als Unternehmen muss man erst mal darauf kommen, neue, marktfähige Finanzierungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Ich war oft dabei, wenn du das mit Kolleg:innen besprochen hast, und finde das faszinierend. Spürt ihr durch Regulierungen wie Lieferkettengesetze oder CSRD auch einen zusätzlichen Druck? Manchmal scheint es ja, als käme immer noch etwas Neues hinzu. Wie erlebt ihr das aktuell?

Dierks, Stefan

Idealerweise gibt der Gesetzgeber einen Rahmen vor, der Transformation fördert und fordert. Die Gesetzgebung in der EU, den Mitgliedsländern und vielen weiteren Staaten verlangt genau das.
Leider war die Umsetzung oft sehr komplex und kleinteilig, was großen Aufwand in Unternehmen verursachte – teilweise übers Ziel hinausgeschossen, weil viel Formalismus und wenig Fokus auf die wesentlichen positiven Wirkungen lag. Insgesamt ist die Zielrichtung aber richtig.

Ein Problem ist, dass engagierte Unternehmen teilweise für ihren Einsatz bestraft werden, weil sie mehr investieren als andere, die sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Der „Omnibus“-Ansatz auf EU-Ebene will Prozesse vereinfachen und Anforderungen reduzieren, was wir begrüßen. Wichtig ist aber, dass nicht zu viele Unternehmen von Pflichten ausgenommen werden und nicht der Eindruck entsteht, alles werde am Ende doch nicht kommen. Das wäre ein Trugschluss und würde den Unternehmen nicht helfen. Wir brauchen klare, förderliche, nachvollziehbare Rahmenbedingungen – zeitlich und inhaltlich. Ich bin gespannt, wie der Omnibus sich weiterentwickelt.

Darius Maleki

Wir haben bei der DIGISUSTAIN auch über Klimarisiken gesprochen. Die Bundesbank und EZB haben kürzlich mit Herrn Stracca ein wichtiges Papier veröffentlicht, das man nicht außer Acht lassen sollte.
Im Finanzierungs-, Produkt- und Digitalisierungsbereich gibt es viele Innovationen und Lockerungen, wie du sagst, weil man gelernt hat, dass man nicht alles mit der großen Keule lösen kann.

Jetzt weg von der Regulatorik: Welche Innovationen im Bereich Nachhaltigkeit findest du gerade besonders spannend? Du hast Credits erwähnt – was können wir seitens Melitta und eurer Partner noch erwarten?

Dierks, Stefan

Wie gesagt, wir arbeiten am Aufbau eines Ökosystems, das Transformationsfinanzierung entlang der Kaffeewertschöpfungskette skalieren soll. Das erfordert Know-how aus dem Finanzsektor, um die Finanzierung so zu gestalten, dass sie Teil des Kerngeschäfts wird – vom Farmer mit Carbon-Credits, über Rohkaffeehändler und Röster bis hin zu Retailern, die Proof of Impact liefern können, und dem Finanzsektor, der Skalierung ermöglicht.

Es braucht viel Innovation – beim Monitoring, der Wirkungserfassung, der Generierung und Weitergabe von Credits und der Weiterentwicklung des Finanzierungssystems inklusive Asset-Gestaltung nach IFRS.
Positiv überrascht hat uns die EU-Roadmap zur Inwertsetzung von Naturkapital, die Naturbewahrung als Teil der Asset-Kalkulation in Finanz- und Realwirtschaft einbringt.

Darius Maleki

Das klingt nach einem starken positiven Ausblick. Komplex ist es, aber die Steine werden Stück für Stück aus dem Weg geräumt.

Zum Abschluss: Hast du einen persönlichen Wunsch, wie der Kaffeesektor künftig aussehen sollte?

Dierks, Stefan
Wir haben schon viel erreicht und tolle Verbände und Zusammenschlüsse, die im vorwettbewerblichen Bereich den Kaffeesektor zukunftsfähiger machen. Mein Wunsch ist, dass wir noch mehr zu gemeinschaftlichen Lösungen kommen, von denen alle profitieren. Das Positive überwiegt: Wir können noch mehr bewegen – mit etwas mehr Geschwindigkeit als bisher – und dann gemeinsam unsere Ziele erreichen.

Darius Maleki

Vielen Dank für das Interview und deine Zeit, lieber Stefan. Du bist und bleibst ein wichtiger Wegbegleiter. Uns als Stiftung ist es wichtig, den Menschen die Chancen der Nachhaltigkeit nahezubringen. Es ist ein neuer Markt mit großen Herausforderungen, aber auch riesigen Chancen. Große Dinge entstehen nicht einfach. Ich freue mich auf unser nächstes persönliches Treffen!